Horror ist anders

2 10 2010

Eerie Indiana – sagt euch der Name etwas? Hinter dem Titel verbirgt sich eine Kinderserie aus den frühen Neunzigern. Anders als artverwandte Serien wie Power Rangers, VR-Troopers oder der Disney Club, hatte sich diese Sendung jedoch eines vollkommen anderen und recht merkwürdig anmutenden Genres für Kinder angenommen – Horror!

Wenn man heutzutage von Horror hört oder liest, denkt man vornehmlich an Filme wie Texas Chainsaw Massacre, Dawn of the Dead oder Saw. Ironischerweise ist keiner der genannten Filme der Horrorsparte zuzuordnen. Warum das? Alle besagten Filme definiert eine vorherrschende Empfindung – Ekel. Der Ekel wenn sich jemand selbst mit einer stumpfen Säge das Bein absägt, wenn sich ein wahnsinniger Psychopath durch ein Rudel dauerbekiffter Teenager tötet um ihre Haut als adretten Overall zu verwenden oder wenn einfach so viel Blut im Film vergossen wird, dass dagegen sogar die Periode eines Mammutweibchens blass aussieht. Was der Zuschauer hier „fürchtet“, ist sich ansehen zu müssen wie das nächste Desaster passiert (gutes Beispiel hierfür: Final Destination). Das jedoch ist in meinen Augen kein Horror. Bestenfalls wäre dies als Splatter zu bezeichnen. Dies gilt gleichermassen für Filme wie Literatur.

Nun, da ich mich recht deutlich über das ausgelassen habe was Horror nicht ist, wäre es wohl an der Zeit zu definieren was meiner unmassgeblichen Meinung nach dieses Genre ausmacht. H.P. Lovecraft hat es einmal wie folgt meisterhaft auf den Punkt gebracht.

„Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.“

Greifen wir an dieser Stelle erneut E.I. [Eerie Indiana] auf. Wie bereits erwähnt hatte sich die Serie damals als Horror-Kinder-Sendung profiliert. Aber wie ist so etwas möglich? In der heutigen Zeit von PEGI, USK und diversen anderen Zensurfanatikern sollte man meinen, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist irgend etwas in dieser Richtung zu produzieren. Die Sache liegt nun aber so, dass E.I. sich keines dieser Splatterelemente bedient hat. Genau weil sich Furcht am besten durch all jenes manifestieren lässt, dass eben nicht sichtbar und nicht fassbar ist. Hier lässt sich wunderbar die Parallele zur Literatur ziehen. Viele alteingesessene Horror-Begeisterte haben Mühe mit aktueller Horror-Literatur, da Splatter mittlerweile nicht mehr nur vereinzelt als Stilelement benutzt, sondern ganzhaft über die Geschichte gelegt wird.

Klassischer Horror unterscheidet sich in dieser Hinsicht massgeblich von seinem Nachfahren. Man könnte nun in die Schale werfen, dass Autoren besagter Literatur dadurch einen Vorteil gehabt haben, dass Leute (und ich weiss das klingt dämlich) einfach leichter zu ängstigen waren und gewisse Dinge der damaligen Generation nicht bekannt oder nicht zu erklären waren. Selbst wenn wir annehmen, dass all das wirklich zutrifft, wie erklärt man sich dann die Unmengen an Fans, die Klassiker wie Poe, Lovecraft, Blackwood oder Bierce auch heute noch anhimmeln? Den klassischen Horror definiert eine Subtilität, welche für seine Epoche essentiell wie auch typisch war. Hier möchte ich vor allem auf Lovecraft zu sprechen kommen, der diese Kunst meiner Ansicht nach perfektionierte und möchte auf sein Zitat zurückkommen. Was wir sehen und verstehen können, so grauenvoll es sich auch darstellt, wird Schrecken in uns hervorrufen. Die Angst ist die kausale Wirkung die sich daraus ergibt. Wir fürchten uns vor dem unmenschlichen Heulen eines Untiers genau so wenig wie uns der Anblick von blutdürstenden, glühenden Augen in der Dunkelheit den Schrecken in die Knochen fahren lässt. Was uns Angst einjagt, ist, was unsere Fantasie daraus macht. Der Autor kennt unsere innersten Ängste nicht, kann diese bestenfalls erahnen. Wir, die Leser, sind diejenigen, die genau wissen was uns das Blut in den Adern gefrieren lässt und wir sind es auch, die all diese Ängste unbewusst in die Geschichte integrieren. Voraussetzung dafür ist aber der passende Rahmen bzw eine gute Story & Struktur.

Ein guter Horrorautor setzt dem Leser nicht einfach ein Szenario vor vor dem er sich dann ängstigt. Ein guter Horrorschriftsteller schafft eine Atmosphäre des Unbehagens. Je weniger wir das Objekt unserer Furcht zu fassen vermögen, desto mehr fürchten wir es. Je weniger wir darüber wissen, desto stärker färbt unsere Fantasie das Szenario. Dabei ist es stets wichtig gerade noch soviel zu offenbaren, dass die Atmosphäre angespannt bleibt. Geizt man zu sehr mit Andeutungen, verliert sich die Geschichte schnell ins Lächerliche oder Langweilige. Wenn man eine gute Horrorstory gelesen hat bei der einem die Nackenhaare zu Berge standen und dieses Gefühl auch anhält nachdem man das Buch bereits zur Seite gelegt hat, hat die Geschichte ihr Ziel erreicht. Viele schaurige Stories entlassen einen am Ende wieder zurück in eine heile Welt, in Sicherheit; wahrer Horror tut das nicht. Genau das ist es, was ihn derart faszinierend macht.

So schwer es auch sein mag anspruchsvollen Horror zu schreiben, es ist möglich! Und ich für meinen Teil möchte gerne mehr davon.

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